Tageslosung vom 27. Juni 2020

Gott, gedenke an deine Gemeinde,

die du vorzeiten erworben und dir zum Erbteil erlöst hast.

Psalm 74,2

 

Ihr kennt die Gnade unseres Herrn Jesus Christus:

Obwohl er reich ist, wurde er doch arm um euretwillen,

auf dass ihr durch seine Armut reich würdet.

2. Korinther 9,9

 

Aus einem Psalm stammt das heutige Losungswort, einem Klagepsalm, möglicherweise im Angesicht des zerstörten Tempels entstanden und gebetet. Nicht nur der Tempel ist zerstört, sondern mit ihm auch das Selbstbewusstsein und die Hoffnung der Gemeinde.

Der Psalmbeter weiß, wohin er sich wenden kann mit seinem Jammer: an Gott selbst, für den der Tempel ja einst erbaut wurde, und der Haupt und Hoffnung der Gemeinde ist. So ist das geblieben bis heute: die Gemeinde weiß, wohin sie sich wenden kann mit ihren Sorgen und Ängsten, mit ihren Fragen und all dem, was ihr Kummer bereitet. Sie hat in Gott einen Adressaten, ein hoffnungsvolles Gegenüber. Im Gebet und vor allem in der Fürbitte vertrauen wir darauf: wir können ablegen, abgeben, was uns belastet, es einem anderen anvertrauen und dann entlastet weiterleben. Wir können ihm unsere Bitten und Anliegen bringen und  nach vorne schauen im Vertrauen darauf, dass Gott sich ihrer annimmt.  

Ich bin an dem Begriff Gemeinde hängen geblieben. Was macht die Gemeinde Gottes, oder neutestamentlich gesprochen: die Gemeinde Jesu zu dem, was sie ist? Es sind nicht ihre eigenen Qualitäten, nicht ihre Frömmigkeit, nicht ihr tadelloses, vorbildliches Leben. Es ist vielmehr Gott selbst, der sich ihr bekannt gemacht hat durch sein helfendes und rettendes Eingreifen. Ich bin der, der dich aus Ägypten, aus der Knechtschaft herausgeführt hat, so stellt Gott sich zu Beginn der Zehn Gebote vor. Das hat auch der Psalmbeter hier im Sinn, wenn er Gott daran erinnert, dass er sein Volk doch ‚erworben und zum Erbteil erlöst hat‘.

Jesus hat das bestätigt, wenn er sich gerade jenen zugewandt hat, die von den anderen wegen ihres fraglichen Lebenswandels gerne gemieden wurden. Ihnen hat er seine Liebe gezeigt und sie zu einem neuen, anderen Leben ermutigt.

In der Christengemeinde erleben wir leider nicht selten jene geistliche Überheblichkeit, die andere gering schätzt und ihnen mitunter sogar den Glauben abspricht. Wer hält sich selbst nicht insgeheim für den besseren Christen, die bessere Christin?

Wir können es uns nicht oft genug sagen lassen: Nicht unser Gutsein macht uns zu Christen und zur Gemeinde, sondern Gott, der uns durch seine Güte und besonders durch seinen Sohn  entgegenkommt. Er lädt uns ein und macht uns zu seiner Gemeinde.

Davon leben wir. Wer sich dessen bewusst ist, wird auch mit schwierigen Menschen liebevoll und barmherzig umgehen. Wo ein solcher Geist regiert, da ist eine Gemeinde reich.

Möge Gott uns solchen Reichtum schenken!

Hanspeter Kern, Dekan i.R.