Tageslosung vom 26. Juni 2020

Wohl denen, die das Gebot halten und tun immerdar recht!

Psalm 106,3

 

Die Welt vergeht mit ihrer Lust;

wer aber den Willen Gottes tut, der bleibt in Ewigkeit.

1. Johannes 2,17

 

„Framing“ – das ist in der sozialwissenschaftlichen Forschung das Nachspüren der oft subtilen Wirkung, die eine bestimmte Begriffswahl erzeugt. „Steuerzahler“ – das baut einen Anspruch auf unmittelbare Gegenleistung auf, mehr, als wenn man Steuerbeiträger/in sagen würde. Das Wort „Flüchtling“ beschreibt die Person hilfloser als das neutralere „Geflüchtete/r“ oder „Flüchtende/r“. Beim genauen Hinsehen bilden wir uns unsere Urteile nicht allein auf Fakten, sondern ordnen sie einer im besten Fall auch auf eigenen Erfahrungen basierenden Geschichte, einem Narrativ zu. So gesehen ist es nicht so banal wie ob ein Glas halb voll oder halb leer ist, wenn von den festgenommenen Stuttgarter Gewalttätern 12 mit deutscher und 12 mit ausländischer Staatsangehörigkeit waren. Es gibt mächtige Narrative, das der Nation, das des Fortschritts, der stetigen Weiterentwicklung, oder das des angeblichen kulturellen Niedergangs. Wer sich entschieden hat, ordnet und bewertet danach neue Informationen und blendet anderes aus.

Der Psalm 106 ist so gesehen ein merkwürdiger Text. Vers um Vers breitet er – mit Vers 6 beginnend – das Versagen Israels von Generation zu Generation aus. Der Vers 3 –  „Wohl denen, die das Gebot halten und tun immerdar recht!“ – den man ohne Kontext noch als Aufforderung zu höchsten ethischen Leistungen lesen könnte, klingt im Zusammenhang nur wie ein hilfloser Appell. Warum sollte ausgerechnet uns gelingen, woran die Generationen vor uns regelmäßig scheiterten?

Nun aber finden wir einen völlig gegensätzlichen Rahmen, ein „Frame“, das den Mittelteil auf den Kopf stellt: „Halleluja!“ beginnt und endet der Psalm, und dann weiter: „Danket dem HERRN, denn er ist freundlich, und seine Güte währet ewiglich.“ Die Geschichte des Scheiterns wird umschlossen von der Erzählung von Gottes Güte, Gnade, Barmherzigkeit. Sie soll den ersten und den letzten Eindruck bestimmen, dieser „Frame“ die Geschehnisse einordnen und die Wahrnehmung für das von Gott Gewährte schärfen.

Ganz ähnlich ist es auch mit dem Zitat aus dem 1. Johannesbrief. Es mag ja sein, dass es Leute gibt, die „die Welt mit ihrer Lust“ oder besser „Begierde“ am liebsten bald verschwinden sähen – sich selbst aber wohl nicht dazurechnend. Der tiefere und letztlich positive Grund aber ist, wie Vers 8 feststellt: „… die Finsternis vergeht und das wahre Licht scheint jetzt.“ Der Blick richtet sich von dem Vergehenden auf das Kommende, nein, das eigentlich schon Gegenwärtige: Gottes Gebot der gegenseitigen Liebe, das von Jesus Christus her schon in der Gemeinde begonnen hat, seine Wirkung zu entfalten.

Reiner Apel, Pfarrer in Gerolzhofen